Aldo Finzi. Vom Leben und Sterben eines jüdischen Faschisten

Aldo Finzi wurde am 24. März 1944 durch einen Genickschuss in den Fosse Ardeatine, einem Tunnelsystem bei Rom, hingerichtet. Er starb zusammen mit 354 anderen Italienern, die von der deutschen Besatzung als Vergeltung für ein verheerendes Attentat kommunistischer Partisanen auf deutsche Soldaten getötet wurden. Finzi war wie viele von ihnen als Antifaschist inhaftiert und somit ein bevorzugtes Ziel der auf Rache sinnenden Deutschen.

Finzi gehörte zu den prominenten Opfern dieses Massenmords. Prominent, berühmt, nachgerade ein Held war er, seit er am 9.8.1918 mit einer kleinen Staffel Doppeldecker von Norditalien quer über das feindliche Österreich nach Wien geflogen war. D’Annunzio, der berühmte Dichter und Kriegsheld, flog in einer der Maschinen mit. Die Staffel kreiste über dem Stephansdom und warf mehrere 1000 Flugblätter ab. Zwar heimste der Egomane D’Annunzio den Ruhm für diesen als „Volo su Vienna“ bekannt gewordenen Flug ein, aber sein Anteil am Erfolg des Unternehmens bestand nur darin, dass sein Name diesen militärisch ganz und gar unbedeutenden Himmelsritt möglich machte. Darüber hinaus war D’Annunzios Beitrag eher peinlich, denn die Sätze, die er gedrechselt hatte und die als Flugblätter vervielfältigt in italienischer Sprache auf Wien nieder segelten, waren so pompös geschraubt, dass niemand sie hatte ins Deutsche übersetzen wollen.

D’Annunzio in der Mitte, Finzi rechts

Aber das war nicht so wichtig, wichtig war, dass D’Annunzio Flugblätter über Wien abgeworfen hatte gleichgültig ob sie jemand lesen konnte oder nicht. Glücklicherweise gab es konkret denkende Menschen im Umfeld dieses Unternehmens wie Ugo Ojetti, einen Journalisten des Corriere della Sera, der schnell einen Aufruf an die Wiener formuliert hatte und der in verständliches Deutsch übersetzt mit dem Werk des Dichters über Wien abgeworfen wurde. Der Doppeldecker, in dem der Dichter saß und der an eine große, mit vier Brettern versehene Seifenkiste erinnert, ist erhalten und hängt nur ein paar Kilometer von Cecino entfernt von der Decke des Vittoriale bei Gardone herab, wo sich D’Annunzios museal-morbider Alterssitz befindet, den jeder Cecinobesucher einmal betreten haben sollte.

Aldo Finzi, der nach dem Krieg sein Jurastudium beendet hatte, schloss sich 1920 den „Fasci di Combattimento“ an, den von Mussolini am 23.3.1919 gegründeten faschistischen Kampfgruppen, und war als Führer der Squadristi, der faschistischen Schlägerbanden, an schweren Gewalttaten beteiligt. Selbst im italienischen Parlament schlug er zu, überwältigte mit anderen Faschisten einen aufmüpfigen kommunistischen Abgeordneten und warf ihn aus dem Saal. Mit Mussolini verband ihn eine kameradschaftliche, vielleicht sogar freundschaftliche Beziehung. Als Ende Oktober 1922 die Faschisten auf Rom marschierten, warteten die beiden in Mailand gemeinsam ab, wie die Sache ausgehen würde, und gemeinsam fuhren sie nach Rom, nachdem der König Mussolini per Telegramm den Auftrag zur Regierungsbildung erteilt hatte. In diesem Augenblick des faschistischen Triumpfs, der auch der Finzis war, wäre niemand auf die Idee gekommen, dass er einmal als Verräter aus der faschistischen Partei ausgeschlossen werden würde und dass Mussolini nach dem Attentat am 23.3.1944 auf die Information hin, sein alter Kumpel sei als zu tötende Geisel bestimmt worden, nichts weiter tat, als gleichgültig mit den Schultern zu zucken und somit Finzi zum Tode verurteilte.

Zunächst aber machte der Jurist Finzi eine Karriere in der Faschistischen Partei. Er wurde in den Faschistischen Großrat aufgenommen, das oberste Entscheidungsorgan des Faschismus. Im Innenministerium hatte er die Position eines Unterstaatssekretärs inne. Als er, ein Halbjude – Kennern der italienischen Literatur ist schon längst die Assoziation zu Bassanis „Gärten der Finzi – Contini“ gekommen und damit die Vermutung, Finzi könnte Jude gewesen sein – als er also 1923 die Enkelin eines Kardinals heiratete, trat er zum Katholizismus über. Prominentester Hochzeitsgast war Mussolini.

In der Folgezeit rückte Finzi immer weiter von einem Faschismus der Gewalt ab und setzte sich für eine Normalisierung der Verhältnisse ein, wollte Teile der katholischen Welt, der Genossenschaften und des Gewerkschaftswesens in den Faschismus eingliedern, wodurch er in scharfen Widerspruch zu den faschistischen Fundamentalisten geriet. Prekär wurde seine Situation aber erst nach dem Mord an dem Sozialistenführer Matteotti. Als klar wurde, dass die Mörder aus dem direkten Umfeld Mussolinis stammten, ließ dieser einige seiner engsten Mitarbeiter fallen, so auch Aldo Finzi, dessen tatsächliche Verwicklung in den Mord nie aufgeklärt wurde. Für ihn bedeutete die Affäre jedoch das Ende seiner politischen Laufbahn. Er verlor alle Posten in der Partei und der Regierung und schrieb, die Rache seiner früheren Parteifreunde fürchtend, enthüllende Informationen über die Hintermänner des Matteottimordes in ein Dossier, dessen Veröffentlichung er verfügt hatte für den Fall, dass man ihn töten würde.

Der faschistischen Schlangengrube entkommen blieb Finzi über 10 Jahre der Politik fern. Er gründete ein landwirtschaftliches Unternehmen und wurde einer der größten Tabakproduzenten Italiens. Erst als 1938 die Rassegesetze erlassen wurden, mischte er sich ein. Er erklärte, kein Jude zu sein und den katholischen Glauben zu praktizieren, gleichwohl lehne er die Rassegesetze ab. Es gab im totalitären Italien durchaus Stimmen gegen den Rassenwahn wie z.B. die des Mailänder Kardinals Schuster, der von der Kanzel des Mailänder Doms gegen die faschistischen Rassegesetze predigte. Finzi war Faschist geworden in einer Zeit, in der die Bewegung nicht rassistisch sondern streng nationalistisch und antibolschewistisch gewesen war, es gab Juden unter den Faschisten wie unter den Antifaschisten. Es scheint so, als habe die Faschistizierung Italiens zu seiner Entfremdung vom Faschismus beigetragen, die nach der Besetzung Italiens durch die Wehrmacht in aktiven Widerstand mündete.

Zunächst aber blieb es bei öffentlichen Erklärungen. Als er sich gegen den Eintritt Italiens in den 2. Weltkrieg aussprach, wurde er mit der Verbannung bestraft, ein in Italien gängiges Mittel, unliebsame Stimmen zum Schweigen zu bringen, aber der Partei reichte das nicht. Alte Kämpfer mit nationalem Prestige wie Finzi bedrohten durch ihr Ansehen den Wahrheitsanspruch Mussolinis, und das war im totalitären Italien nicht tragbar: 1942 wurde er aus der Faschistischen Partei ausgeschlossen.

Marginalisiert, den Überzeugungen seiner Jugend beraubt, die Not der immer stärker bedrohten Juden wahrnehmend näherte er sich der jüdischen Gemeinde an und knüpfte Kontakte zu Vertretern des Widerstands. Durch die deutsche Besetzung Italiens im Sommer 1943 und eine erste Deportation römischer Juden im Oktober, die trotz des versprochenen Freikaufs mit 50 kg Gold erfolgte, war jede Form des Widerstands gegen die Faschisten und die Besatzer lebensgefährlich. Aber Finzi hatte diese Gefahrengrenze bereits überschritten. Obwohl die deutschen Besatzer sich in seiner Villa unweit von Rom einquartiert hatten, übermittelte er Botschaften über deutsche Truppenbewegungen an die Partisanen, wurde dabei überrascht und am 28.2.1944 ins römische Gefängnis Regina Coeli eingeliefert.

Finzi war 54 Jahre alt als er erschossen wurde. Am Eingang der Synagoge in Rom wird er in einer Liste unter den Juden aufgeführt, die in der Resistenza starben, auf der Erinnerungstafel im Gedenkschrein der Fosse Ardeatine wird er als Oberstleutnant bezeichnet, also seine nationale Gesinnung gewürdigt. Für die „Vereinigung der Familien der Opfer der Fosse Ardeatine“ war er Landwirt und Mitglied der „Demokratischen Partei der Arbeit“ – ein Typ wie Aldo Finzi, ein nationaler Held, ein brutaler Faschist zuerst, dann ein konzilianter, einer mit jüdischen Wurzeln, einer der gegen den Totalitarismus die Stimme erhebt und sein Leben im Kampf gegen den Faschismus und die deutschen Besatzer riskiert, ist schwer in gängige Muster zu pressen.

Geehrt jedoch wird er von den Antifaschisten, nicht von den Faschisten.

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