Roberto Saviano, der mit Veröffentlichungen über die Mafia berühmt wurde, und Giovanni di Lorenzo, der in Italien geborene Chefredakteur der ZEIT, haben ein Buch mit obigem Titel veröffentlicht. Sie plaudern darin über ihre Heimat, aus der gute Nachrichten schon lange nicht mehr über die Alpen gedrungen sind – die Auflistung schlechter Nachrichten erspare ich mir. Dass ein Komiker zum Hoffnungsträger des Landes werden konnte und ein Populist Innenminister, zeigt wie sehr Galgenhumor zum Verdauungsschnaps für Stagnation, Inkompetenz und Perspektivlosigkeit geworden ist.
Von der Krise, die Italien seit Jahren im Griff hat, spürt man wenig, wenn man die Gardaseeregion besucht. Man spürt eher etwas vom touristischen Schwung, vom dolce vita und der Beständigkeit, die den Veränderungen und der Resignation trotzt. Die Beständigkeit spürt man z.B. an Orten wie der kleinen, aus dem hohen Mittelalter stammenden Kirche San Giacomo. Sie liegt am nördlichsten Ende Gargnanos weit jenseits der Villa Feltrinelli direkt am See, ein Ort stiller Einkehr seit Jahrhunderten.
Die Kirche von Cecino kann mit solchen Besonderheiten nicht aufwarten, aber auch sie verkündet Beständigkeit in krisenhafter Zeit. Während die kommunistische Kirche auch in Degagna schon lange eingestürzt ist und nur noch ein letztes verblasstes Hammer-und-Sichel-Symbol mit der Überschrift PCI (Partito Communista Italiano) an früheren Glanz erinnert, lebt der Katholizismus weiter. Ihm gelingt es noch, Menschen zusammenzubringen, während der roten Fahne niemand mehr folgt und niemand mehr auf die Idee käme, sie durchs Tal zu tragen – diesen letzten Graffitizeugen findet man in der Località Rango nahe dem Elektrizitätswerk auf halber Strecke zwischen Cecino und Vobarno.

In besonders charmanter Weise kann man die lokale Beständigkeit des Katholizismus alle fünf Jahre beim Festa della Madonna erleben. Die Statue der Gottesmutter wird aus Cecino, ihrem Heimatort, zu verschiedenen Kirchen im Tal getragen, wo sie jeweils einige Zeit bleibt. Nach einem Aufenthalt in San Martino wird sie wieder nach Cecino zurück gebracht.
Zum Festa della Madonna verwandelt sich Degagna in ein farbenfrohes, blumengeschmücktes Tal. Auf den Gassen herrscht ungewohnte Betriebsamkeit, Stimmen und Rufe überall. Eine unglaubliche Verschönerungswelle erfasst auch noch die kleinste Ecke und verleiht für viele Tage den Orten, die die Madonna passiert, eine heitere, bunte Ansicht. In Cecino führen drei Frauen das Verschönerungskommando. In einem leeren Haus an der Piazza haben sie ihr Hauptquartier errichtet und planen und verwirklichen mit unendlicher Geduld und Hingabe ihr Ziel,

Cecino so zu verwandeln, dass die Madonna sich willkommen fühlen und beim Herrgott doch bitte das eine oder andere gute Wort für die Geschicke des Dorfes und seiner Bewohner einlegen möge. Mehr als zwei Traktorladungen frischer Tannenzweige wird verarbeitet, zahllose kleine Plastikrosen werden an Girlanden und hängenden Gebilden befestigt. Lichterketten spannen sich durch die Gassen, Moos wird herbei geschafft und zu grünen Landschaften der Ursprünglichkeit drapiert, und der Dorfbrunnen wird zu einer beleuchteten Grotte. Wir im Torre wollen dabei nicht zurück stehen und leuchten mit – immerhin war der Torre einmal das Pfarrhaus des Dorfes.
Die Alpini tragen die Madonna auf ihren Schultern, wenn sie nach Cecino zurück kommt, die Gebirgsjäger mit der Feder am Hut, der einer Seppelmütze ähnelt wie man sie vom Räuber Hotzenplotz kennt. Wenn die Madonna an ihrem alten Platz steht wird die Messe zelebriert und per Lautsprecher auf die Piazza übertragen, wo sich die Menschen drängen und darauf warten, dass endlich das Buffet eröffnet wird. Das Buffet haben die Damen mit Geldern mir unbekannter Herkunft finanziert, außerdem wird es von Nachbarn mit Kuchen und Schnittchen, mit Obst und Wein und Coca Cola bestückt – auch von uns, den Ausländern. Es bleibt nicht viel übrig, nur ein paar labbrige Salatblätter – wer isst nicht gerne üppig, wenn es kostenlos kommt? Auch die kränkelnde, herbe muslimische Nachbarin kriegt was ab. Sie traut sich zwar nicht auf die Piazza, ihr Sohn hat’s ihr verboten, aber einen Teller mit Speisen nimmt sie doch.

Saviano und di Lorenzo werden es nicht nach Cecino schaffen, ihr Buch wird vermutlich niemand dort lesen. Vielleicht wäre ihnen die Volksfrömmigkeit zu aufgesetzt, der religiöse Zauber zu abgeschmackt. Sie würden schnell die Widersprüche aufdecken, die Oberflächlichkeit des Madonnakults, die fehlende gesellschaftliche Relevanz. Vielleicht würden sie die Beharrung als Rückständigkeit erleben, die Tradition als Barriere auf dem Weg in eine Erneuerung, die Italien braucht, den Umzug als hinterwäldlerischen Mummenschanz abtun.

Was bleibt ist, dass die Piazza voll war. Dass Leute sich trafen, die aus verschiedenen Winkeln des Tals kamen und lange nicht mehr miteinander gesprochen haben. Dass ein überalterndes Dorf plötzlich strahlte und zeigte, was Menschen bewirken können, wenn sie sich engagieren. Dass jeder eingeladen war sich zu beteiligen, und dass die Dekoration zu gelungen war, um sie gleich wieder abzureißen. Die drei Damen entschieden kurzerhand, alles so zu belassen bis zum nächsten Fest, bis Weihnachten.
Einer, der beim letzten Fest dabei war und im Hauptquartier der Damen verköstigt wurde, fehlte: der Bischof von Brescia. Der alte Bischof ist inzwischen pensioniert worden, aber die Beständigkeit der Kirche hatte für Erneuerung gesorgt. Der neue Bischof wurde am Tag des Madonnafestes in sein Amt eingeführt und konnte deswegen nicht kommen. „Ich bin einer von euch“, erklärte er bei seiner Antrittspredigt.
Beim nächsten Fest werden wir sehen ob’s stimmt.

