Im Sommer 2015 berichteten die italienischen Abendnachrichten über eine Cannabisplantage bei Salò, die von Carabinieri entdeckt und zerstört worden war. Die Nachricht stimmte nur zum Teil, denn die Plantage, genauer gesagt zwei große Gewächshäuser, befand sich nicht bei Salò, sondern nur 300 m vom Torre entfernt in unserem Cecino, dem heimlichen Zentrum der italienischen Cannabisproduktion. Im ausgehenden Winter hatten umtriebige Leute aus Bergamo auf einem Grundstück in dem hübschen und friedlichen Tal, das von Cecino in den Nationalpark Alto Garda führt, die Gewächshäuser errichtet und, geschützt von einem Zaun und einem hohen, massiven Eisentor, mit der Aufzucht der von starken Lampen angestrahlten Pflänzchen begonnen. Die Gewächshäuser waren vom Weg sichtbar, die Gärtner unbekannt, ihr Treiben verdächtig, denn nie waren sie bereit, den Dorfbewohnern mal eine Zucchini zu zeigen oder eine Tomate anzubieten, die sie dort angeblich so professionell züchteten. Zudem wurde die Anlage von 2 Hunden bewacht, die Tag und Nacht bellten, so dass es mit dem Frieden im Tal ein Ende hatte.
Die Leute aus Bergamo müssen die aus Cecino für Idioten gehalten haben, wenn sie dachten, ihnen würde jemand die Gemüsegeschichte glauben, die sie über den Zweck der Gewächshäuser erzählten. Wie die Polizei Wind von der Sache bekam, darüber kursierten verschiedene Varianten. Die eine brachte den nicht ortsansässigen Vermieter ins Spiel, der bei der Stromrechnung, die in Italien alle zwei Monate postalisch zugestellt wird, misstrauisch geworden sei. Einer anderen, gegensätzlichen Variante zufolge hatten die Leute aus Bergamo den Strom für die Lampen durch eine elektrotechnische Manipulation vor dem Zähler entnommen, was den Hausbesitzer ahnungslos gelassen, den Stromversorger aber misstrauisch gemacht habe, der sich um eine große Menge Strom betrogen fühlte und der Sache nachgegangen sei.
Ich glaube an eine dritte Variante. Denn auch in Cecino kann man uno und uno zusammenzählen, also große Gewächshäuser plus keine Ernte … und da die Lampen strahlten, die Hunde nervten mit ihrem Gebell … ein Wort, ein Wink, den niemand gegeben hat, denn niemand will niemandes Zorn auf sich ziehen … und eines Morgens kreisten zwei Hubschrauber der Carabinieri über dem Ort.
Wir waren am Vorabend angekommen, hatten gerade noch Zeit gehabt, um nach Gardone zu fahren, wo die 70jährige Patti Smith grauhaarig und powervoll auf der Freilichtbühne des Vittoriale von der Nacht rockte, die den Liebenden gehört. Müde in den Betten liegend bemerkten wir nicht, wie eine größere Anzahl Carabinieri durch Cecino lief und die Plantage umstellten während die Hubschrauber kreisten. Es gab eine Verhaftung, eine weitere Person flüchtete in die Berge. Die Pflanzen wurden mit Stumpf und Stiel ausgerissen, nur die Gewächshäuser blieben zurück.
Einige Tage später wollten drei Männer in einem verbeulten Lieferwagen ins Tal durchbrechen. Die Vehemenz, mit der sie dabei gegen unsere Hausmauer krachten, zeigte mir schnell, dass sie ortsunkundig, rücksichtslos und nicht sehr clever waren. Sie gehörten zu den Cannabisgärtnern und waren gekommen, um die Gewächshäuser abzubauen, was ihnen nach vielen schweißtreibenden Stunden auch gelang. Ich befand mich zu der Zeit mit zwei Freunden auf dem Dach, um eine größere Fläche neu einzudecken. Immerhin habe ich ein Foto des vollgeladenen Traktoranhängers schießen können, mit dem die abgepackten Gewächshäuser zum Parkplatz transportiert wurden, wo der Lieferwagen, um einen Erinnerungskratzer an den Torre reicher, geparkt war.
Aber damit ist der diesjährige Kriminalbericht aus Cecino noch nicht abgeschlossen. Denn die ruhige, unauffällige marokkanische Familie, die unserem Haus gegenüber unten an der Piazza wohnte, ist ausgezogen. Die Eltern nach Vobarno, der Sohn mit Wissen und Billigung der Eltern nach Syrien, um beim IS sein Glück zu suchen. Schon Jahre zuvor hatte der Vater die Ereignisse des 11. September gepriesen, worauf er sich vor seinen Arbeitskollegen verstecken musste, die ihn verprügeln wollten. Mag sein, dass der Sohn inzwischen sein ersehntes koranisches Paradies gefunden hat – hoffentlich, ohne jemanden zu schädigen.